Arthrose gehört zu den häufigsten Gelenkerkrankungen und schränkt viele Menschen im Alltag spürbar ein. Wenn der Knorpel sich nach und nach abnutzt, entstehen Schmerzen, Steifigkeit und eine eingeschränkte Beweglichkeit, die Beruf, Sport und Freizeit belasten. Verständlicherweise suchen Betroffene nach Wegen, ihre Beschwerden zu lindern und eine Operation möglichst hinauszuzögern oder ganz zu vermeiden. In diesem Zusammenhang wird die Stammzellentherapie immer häufiger genannt.
Der Begriff weckt allerdings oft hohe Erwartungen, die nicht immer der Realität entsprechen. Dieser Ratgeber erklärt daher ausführlich und ehrlich, was hinter der Stammzellentherapie in der Orthopädie steckt, wie das Verfahren funktioniert, für wen es infrage kommt und wie die wissenschaftliche Studienlage einzuordnen ist. So können Sie eine informierte Entscheidung treffen.
Was ist eine Stammzellentherapie?
In der Orthopädie kommen fast ausschließlich körpereigene, sogenannte autologe Verfahren zum Einsatz. Das bedeutet, dass die verwendeten Zellen aus dem Körper des Patienten selbst gewonnen werden. Am häufigsten stammen sie aus dem Fettgewebe oder dem Knochenmark. Beide Gewebe enthalten regenerative Zellen, unter anderem mesenchymale Stamm- und Stromazellen, sowie eine Vielzahl von Botenstoffen, die Reparatur- und Regenerationsprozesse im Körper steuern.
Diese Zellen haben die Aufgabe, geschädigtes Gewebe zu unterstützen und Entzündungsprozesse zu regulieren. Genau diese Eigenschaft macht man sich in der regenerativen Orthopädie zunutze. Ein etabliertes Verfahren auf dieser Grundlage ist die Gewinnung von Zellen aus dem Fettgewebe, die wir auf unserer Seite zur SVF-Therapie ausführlich beschreiben. Da ausschließlich körpereigenes Material verwendet wird, sind Unverträglichkeiten oder allergische Reaktionen sehr selten.
Woher die Zellen stammen
Bei der Gewinnung aus dem Fettgewebe wird in einem kleinen Eingriff etwas Fett entnommen, meist aus dem Bauch- oder Hüftbereich, und anschließend aufbereitet. Aus dem gewonnenen Material lässt sich ein zellreiches Konzentrat herstellen.
Wie wirkt die Behandlung im Gelenk?
Nach der Aufbereitung wird das Zellkonzentrat gezielt in das betroffene Gelenk injiziert. Ziel ist es, das Gelenkmilieu zu verbessern, überschießende Entzündungsreize zu dämpfen und die vorhandenen Strukturen zu unterstützen. Wichtig ist eine realistische Erwartung: Bereits verbrauchter Knorpel wächst durch die Behandlung nicht einfach wieder nach. Die Therapie zielt vielmehr darauf ab, Schmerzen zu lindern, die Beweglichkeit zu verbessern und das Fortschreiten des Verschleißes günstig zu beeinflussen.
Verwandt mit der Stammzellentherapie ist die Eigenbluttherapie, bei der körpereigene Wachstumsfaktoren aus dem Blut gewonnen und in das Gelenk gespritzt werden. Beide Verfahren gehören zur regenerativen Medizin und verfolgen ein ähnliches Ziel, unterscheiden sich aber im Aufwand und in der Art des verwendeten Materials. Häufig lassen sie sich auch sinnvoll mit anderen Maßnahmen kombinieren.
Bei welchen Beschwerden kommt sie infrage?
Häufige Einsatzgebiete sind die beginnende bis mittelgradige Arthrose, etwa im Knie, in der Hüfte oder im Schultergelenk, sowie bestimmte chronische Sehnenreizungen. Gerade in frühen bis mittleren Stadien, in denen noch genügend eigenes Gewebe vorhanden ist, sind die Voraussetzungen für einen Effekt am besten. Bei weit fortgeschrittener Arthrose mit weitgehend zerstörtem Gelenk sind die Erwartungen dagegen deutlich niedriger anzusetzen..
Ob das Verfahren für Sie sinnvoll ist, lässt sich nur nach einer gründlichen Untersuchung beurteilen. Dazu gehören das ausführliche Gespräch, die körperliche Untersuchung und in der Regel eine Bildgebung, um das Ausmaß des Verschleißes einzuschätzen. Erst auf dieser Grundlage entscheiden wir gemeinsam, ob und in welcher Form eine zellbasierte Behandlung in Betracht kommt.
Wie läuft die Behandlung ab?
Die Behandlung erfolgt ambulant und in mehreren Schritten. Zunächst wird das Ausgangsmaterial gewonnen, also Fettgewebe oder Knochenmark. Anschließend wird es aufbereitet, sodass ein zellreiches Konzentrat entsteht. Dieses wird dann gezielt in das betroffene Gelenk injiziert. Der gesamte Ablauf dauert je nach Verfahren einige Zeit, die eigentliche Injektion nimmt jedoch nur wenige Minuten in Anspruch.
Nach der Behandlung sollten Sie das Gelenk in den ersten Tagen nicht stark belasten, damit die angestoßenen Prozesse ungestört ablaufen können. Leichte Bewegung ist in der Regel erlaubt und sogar erwünscht. Wie sich die Nachsorge im Detail gestaltet und wann Sie Sport und volle Belastung wieder aufnehmen können, besprechen wir individuell mit Ihnen.
Ehrliche Einordnung der Studienlage
Bei diesem Thema ist Offenheit besonders wichtig, denn im Internet kursieren viele überzogene Heilsversprechen. Erste Studien deuten darauf hin, dass zellbasierte Verfahren bei Arthrose Schmerzen lindern und die Gelenkfunktion verbessern können. Die Datenlage ist jedoch noch begrenzt, die Studien unterscheiden sich stark in Qualität und Aufbau, und einheitliche Standards fehlen bislang.
Das bedeutet: Die Stammzellentherapie ist kein garantierter Weg zur Heilung der Arthrose, sondern eine ergänzende Option, deren Nutzen individuell unterschiedlich ausfällt. Wir setzen sie deshalb nur nach sorgfältiger Prüfung und ausführlicher Aufklärung ein und sprechen offen darüber, welches Ergebnis in Ihrem Fall realistisch ist. Diese Ehrlichkeit ist uns wichtiger als kurzfristige Erwartungen.
Ein Baustein im Gesamtkonzept
Ihren größten Nutzen entfaltet die Stammzellentherapie in der Regel nicht allein, sondern als Teil eines umfassenden Behandlungskonzepts. Dazu gehören gezielte Bewegung, Physiotherapie, eine kräftige gelenkführende Muskulatur und ein gesunder Lebensstil. Wie Sie Ihre Gelenke langfristig schützen und Beschwerden vorbeugen, erfahren Sie in unserem Bereich Prävention. Für sportlich aktive Menschen kann zusätzlich eine sportmedizinische Begleitung sinnvoll sein, um Belastung und Training optimal abzustimmen.